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Übernahme durch Karstadt

Eine Familentragödie war im Mai 1948 der Anlass für den Umzug von München nach Oberursel bei Frankfurt: Josef Neckermanns Schwester Maria-Barbara verunglückte gemeinsam mit ihrem Mann Mitte Januar bei einem Autounfall tödlich. Das Ehepaar Josef und Annemarie Neckermann adoptierte deren drei Töchter und zog in das Haus der Familie in Oberursel. In diesem Jahr wurde am 20. Juni die DM als neue Währung eingeführt und das Rationierungsgesetz durch den zu dieser Zeit noch als „Direktor der Verwaltung für Wirtschaft des Vereinigten Wirtschaftsgebietes“ amtierenden späteren Wirtschaftsminister Ludwig Erhard aufgehoben.

Am 6. September 1948 wurde die Textilgesellschaft Neckermann KG gegründet, der Sitz des Unternehmens war in der Mainzer Landstraße in Frankfurt am Main. Josef Neckermann selbst wurde offiziell nicht sofort aktiv – das Kontrollratsgesetz war noch immer in Kraft und wurde erst am 10. November wieder aufgehoben –, der Eintrag im Handelsregister lautete auf den Namen seiner Frau Annemarie, und als Geschäftsführer setzte er Theodor Betzen ein, den er von dessen Tätigkeit für die Reichsgruppe Handel her kannte. Mit zwei Büroetagen und einer Textilgroßhandlung bereitete Neckermann hier seinen Wiedereinstieg in das Versandhandelsgeschäft vor, Bezugsquellen und Logistik mussten aufgebaut und Adressen für den Katalogversand beschafft werden.

Die Gesellschaft ging am 1. April 1950 in die Neckermann Versand KG über, deren einziger Komplementär Josef Neckermann war. Das Unternehmen startete mit 107 Angestellten und einem nur geringen Anfangskapital von 450 Tausend DM; die Summe wurde von den Alliierten aus dem Vermögen seiner Würzburger Geschäfte wieder freigegeben. Durch Aufnahme eines Kommanditisten wurde das Kapital auf nominell 21,5 Millionen erhöht und durch langfristige Darlehen von Gesellschaftern und Banken verstärkt.

Für den Firmensitz erhielt Neckermann auch Angebote anderer Städte, er entschied sich letztlich aber – nicht zuletzt aufgrund der erstklassigen Verkehrsanbindung und seiner für den deutschlandweiten Versand günstigen Lage – für Frankfurt. Die Stadt Frankfurt unter Oberbürgermeister Walter Kolb kam Neckermann zudem bei der Verpachtung eines geeigneten Firmengeländes entgegen: für das 6.500 m² große Gelände am Danziger Platz in Nachbarschaft zum Frankfurter Ostbahnhof garantierte die Stadt dem Unternehmen auf 99 Jahre einen Pachtzins von einer Mark pro Quadratmeter, außerdem übernahm sie eine Ausfallbürgschaft in Höhe von 1,2 Millionen Mark für den Neubau. Das neue Kauf- und Versandhaus wurde am 11. Juni 1951 eröffnet, die Familie Josef Neckermanns bezog die beiden oberen Stockwerke des Hauses. Noch im selben Jahr eröffnete Neckermann in Trier, Kassel, Hanau, Rosenheim sowie in Würzburg (im ehemaligen Ruschkewitz-Kaufhaus) weitere Verkaufsstellen.

Seit 1948 hatte sich Neckermann eine Kartei mit 100.000 Adressen aufgebaut und die Logistik für den Versand organisiert; neben dem direkt am Ostbahnhof gelegenen neuen Firmengebäude hatte er bereits 1950 in Kelsterbach ein 1.000 m² großes Büro- und Lagergebäude angemietet. Der erste Neckermann-Katalog, der noch ein zwölfseitiges Heft mit dem Titel „Neckermann-Illustrierte“ war, in dem 133 preisgünstige Textilartikel angeboten wurden, erschien im März 1950 in einer Auflage von 100.000 Stück. Neckermann gab dem ersten Katalog die Nummer 119, um so eine lange Versandhaustradition vorzutäuschen; schließlich war die Konkurrenz in diesen Jahren groß, auf dem Markt tummelten sich rund 4.000 Versandhändler. Bereits im ersten Jahr wurde ein Umsatz von 10 Millionen DM erzielt.

Der Nachholbedarf an Konsumgütern in den 1950er Jahren war immens, Neckermann stieß aufgrund der niedrigen Preise auf eine hohe Nachfrage und hatte bald eine große Stammkundschaft gewonnen. Eine seiner wichtigsten Klientel in diesen Jahren waren die Heimatvertriebenen auf dem „flachen Land“, die sich sowohl durch die Zusendung seiner Kataloge als auch durch die niedrigen Preise in besonderem Maße angesprochen fühlten.

1953 wurde das Angebot um Kleinmöbel, Lederwaren, Lampen, sowie durch ein – mit einem Preis von 187 DM konkurrenzlos günstiges – Rundfunkgerät erweitert. Im Jahr darauf konnte man bei Neckermann auch Kühlschränke und Fernsehgeräte (darunter war eines mit 648 Mark ein Drittel günstiger als bei der Konkurrenz), ab 1955 auch Fahrräder und Waschmaschinen bestellen, im Verlauf der ersten fünf Jahre war der Katalog bereits von zwölf auf 200 Seiten angewachsen. Von 1956 an wurden sogar Mopeds unter dem Markennamen Necko (nach Josef Neckermanns Spitznamen benannt) sowie der aus der DDR stammende Simson Spatz angeboten, ab 1968 vertrieb man unter der Markenbezeichnung Neckermann MZ auch ostdeutsche Zweitaktmotorräder der Motorradwerke Zschopau. Gleichzeitig bot man Garelli-Mofas, -Mokicks und -Kleinkrafträder zu Dumpingpreisen an, um so in den deutschen Moped- und Kleinkraftradmarkt einzudringen, der fest in der Hand von Kreidler, Hercules und Zündapp war.

Der Umfang des Katalogs, der zwei Mal jährlich in einer Frühjahr/Sommer- und einer Herbst/Winter-Ausgabe versandt wurde, wuchs innerhalb weniger Jahre auf über 300 Seiten und seine Auflage auf 3 Millionen Stück, der Umsatz der Neckermann Versand KG betrug bereits im Jahr 1954 beachtliche 300 Millionen DM. Neckermann wurde zu einer der Galionsfiguren des deutschen Wirtschaftswunders, seine Angebotspalette an „für Jedermann“ erschwinglichen Konsumgütern entsprach dem von Wirtschaftsminister Ludwig Erhard ausgegebenen Devise „Wohlstand für alle“.

Vor allem der Elektro-Einzelhandel litt unter der aggressiven Preispolitik des Versandhandels und verzeichnete Umsatzeinbrüche. Kostete beispielsweise eine Constructa-Waschmaschine im Fachhandel 1.600 Mark, konnte man dasselbe Modell bei Neckermann für 950 DM bestellen. Dass das AEG-Logo beim Neckermann-Produkt durch ein Logo mit einem durch Sternchen verzierten „N“ ersetzt wurde, störte die Kundschaft herzlich wenig. Neckermann diktierte die Preise, die Wochenzeitung Die Zeit schrieb dazu am 8. März 1956:

In einem Rundschreiben rief die Innung im Februar 1954 alle Elektrohändler dazu auf, die Installation und die Reparatur von Neckermann-Geräten zu verweigern. Ein Eigentor, wie sich herausstellen sollte: Neckermann ging gegen dieses Schreiben vor Gericht, und dieses verurteilte die Elektro-Innung zum Widerruf. Zudem baute er nun einen eigenen technischen Kundendienst auf, wofür ein flächendeckendes Service-Netz mit bis zu 200 Annahmestellen nebst 250 mobilen Service-Mitarbeitern eingerichtet wurde. Diese Investition zahlte sich aus, der Absatz von Elektrogeräten stieg in der Folge weiter an.

Hinzu kamen als „Verkaufsstellen“ bezeichnete Warenhäuser in 19 Städten, das Flaggschiff der Kette war ein großflächiger Neubau an der Frankfurter Zeil, der 1956 eröffnet wurde.

Mitte der 1930er Jahre waren vier Unternehmen in der Textil-Versandbranche des Deutschen Reichs führend:

  • Gustav Schickedanz, ein in Fürth ansässiger Textilhändler, hatte seine 1922 gegründete Großhandlung 1927 um das Versandhaus Quelle erweitert und stieg damit innerhalb weniger Jahre zur Nummer eins der Branche auf: 1935 hatte er 50 % Marktanteil.
  • Wilhelm Schöpflin hatte im badischen Haagen ab 1930 ein Textil-Manufaktur und -Versandunternehmen aufgebaut.
  • Josef Witt aus Weiden in der Oberpfalz hatte seine berufliche Laufbahn 1907 als Hausierer begonnen – 1934 beschäftigte Witt Weiden rund 5.000 Mitarbeiter in seinen Fabriken und Vertriebsunternehmen.
  • Das von Neckermann übernommene Unternehmen von Karl Joel war zu dieser Zeit die Nummer vier der Branche.

Nach dem Zweiten Weltkrieg gründete der aus Berlin stammende Werner Otto eine Schuhfabrik in Hamburg. Nachdem diese gescheitert war, versuchte er sich im August 1949 als Versandhändler für Schuhe und verteilte sein Angebot in 300 Exemplaren eines 14-seitigen Hefters an die Haushalte. Aus diesen bescheidenen Anfängen wuchs mit dem Otto-Versand in den darauf folgenden zwei Jahrzehnten das zweitgrößte Universalversandhaus Deutschlands heran. Otto beschränkte sich allerdings zunächst in erster Linie auf den Norden der Bundesrepublik.

Auch die Konkurrenten aus der Vorkriegszeit nahmen in dieser Zeit den Wettbewerb wieder auf. Schöpflin startete 1948 mit einem Großversandhaus in Brombach ebenso wie Witt in Weiden. Beide Unternehmen beschränkten sich aber auf den Textil- und Modebereich und zunächst auf regionale Märkte und wuchsen daher nicht in dem Maße wie die drei Branchengrößen der folgenden Jahre, Quelle, Otto und Neckermann, die auch heute noch mit großem Abstand im Versandhandel in Deutschland führend sind.

Die Marktführer Neckermann Versand und Quelle Schickedanz beherrschten in den 1950er Jahren die Versandhausbranche. Sie bekämpften sich auch auf dem Gerichtsweg gegenseitig, so erreichte Quelle beispielsweise im Juni 1955 beim Landgericht Stuttgart durch eine einstweilige Verfügung, dass fünf Artikel (ein Schlafanzug, ein Wandbild, jeweils ein Paar Turnschuhe und Damensandaletten sowie ein Teppich) aus dem Neckermann-Katalog nicht mehr vertrieben werden durften, weil sie der im Katalog beschriebenen Qualität nicht entsprachen. Zudem musste eine Passage des Katalogs, in dem eine Qualitätsgarantie abgegeben wurde, gestrichen werden. Dieser Prozess, dessen Urteil in mehreren überregionalen Zeitungen pflichtabgedruckt werden musste, war nur der Anfang einer darauf folgenden Serie von Gerichtsverfahren.

Eine Ironie des Schicksals ist, dass die von den beiden „Erzfeinden“ in der Nachkriegszeit aufgebauten Unternehmen schließlich gemeinsam einen Dritten, den Warenhauskonzern Karstadt, zum größten Versandhändler Europas machten – wenn auch erst Jahre nach dem Tod der Patriarchen: Gustav Schickedanz starb 1977, Josef Neckermann 1992.

Das Unternehmen expandierte weiter, und mit ihm die Zahl der Mitarbeiter. Hatte Neckermann 1950 noch mit 107 Angestellten begonnen, war deren Zahl bereits Ende 1951 auf 1.700 gestiegen. 1958 waren im Gesamtunternehmen über 6.000 Menschen beschäftigt, davon ein Großteil in Frankfurt. In Stoßzeiten wie dem Vorweihnachtsgeschäft wurde darüber hinaus noch eine stattliche Zahl von Aushilfskräften benötigt.

Das Gebäude der Neckermann-Zentrale am Danziger Platz war zu klein geworden, so dass man sich zu einem Neubau an der Hanauer Landstraße 360 im Frankfurter Stadtteil Fechenheim entschloss. Das vom Architekten Egon Eiermann entworfene, 256 Meter lange und 56 m breite sechsstöckige Gebäude wurde in den Jahren 1958 bis 1961 geplant und gebaut. Auffälliges Merkmal des nüchternen Zweckbaus waren und sind die vier außen angebrachten Treppenaufgänge (jeweils zwei an beiden Längsseiten), mit denen man Platz für Treppenhäuser einsparte.

Der neue Firmensitz wurde am 15. September 1960 bezogen und ist bis heute Sitz des Unternehmens. Zur Optimierung der Bestellabwicklung wurde eine IBM-Großrechenanlage installiert. Die Bestelldaten wurden im so genannten „Locherraum“ zunächst mittels schreibmaschinenähnlicher Geräte auf Lochkarten und anschließend auf Magnetbänder übertragen, und der Großrechner übernahm dann das Schreiben der Rechnungen und die dazu notwendigen Vorarbeiten.

In der Frankfurter Versandzentrale arbeiteten 1965 3.811 Mitarbeiter, in den Textilfabriken in Frankfurt, Darmstadt und Essen wurden darüber hinaus weitere 14.297 Menschen beschäftigt. Insgesamt erwirtschaftete die Neckermann-Gruppe in diesem Jahr erstmals mehr als 1 Milliarde DM.

Gegen den Firmenslogan „Besser dran mit Neckermann“ erwirkte die Konkurrenz mehrere einstweilige Verfügungen aufgrund vergleichender Werbung; Anfang 1960 mussten deswegen 900.000 bereits gedruckte Kataloge wieder eingestampft werden, und der Spruch wurde schließlich per Gerichtsbeschluss verboten mit der Begründung, Neckermann „verschmähe die Mitbewerber“.

Mitte 1961 wurde der neue Werbespruch „Neckermann macht's möglich“ geboren, doch dieser war nicht etwa eine Schöpfung von McCann oder einer der anderen darauf angesetzten Werbeagenturen. Einem Teilnehmer einer Arbeitssitzung, in der wieder einmal seit Stunden vergeblich über eine griffige Formulierung nachgedacht wurde, knurrte der Magen, und auf die mürrische Frage, ob es denn bei Neckermann nicht möglich sei, etwas zu Essen zu bekommen, sprang ein junger Mitarbeiter auf, kehrte kurze Zeit später mit einem Tablett mit heißen Würstchen zurück, und servierte diese mit den Worten: „Hier! Neckermann macht's möglich!“.

Josef Neckermann weitete die Angebotspalette ab Anfang der 1960er Jahre über das reine Konsumgütergeschäft aus. Um das für die Investitionen notwendige Kapital zu beschaffen, und aufgrund trotz steigenden Umsatzvolumens hoher Verbindlichkeiten ging er mit seinem Unternehmen an die Börse und wandelte Anfang 1963 die Neckermann Versand KG in eine Kommanditgesellschaft auf Aktien (KGaA) um. Die offiziell zum 15. Februar ausgegebenen Aktien waren zu 200 % überzeichnet und hatten, als sie in den offiziellen Börsenverkehr gelangten, bereits einen Wert von 300 % des Ausgabewerts. 1963 war auch das Jahr, in dem Neckermanns Sohn Peter, der zuvor Betriebswirtschaftslehre studiert hatte und ein Jahr zuvor in das Unternehmen eingetreten war, in die Geschäftsführung aufstieg.

Noch 1963 wurde die Neckermann Eigenheim GmbH gegründet, die günstige Fertighäuser schlüsselfertig anbot. Innerhalb von zehn Jahren wurden 25.000 Häuser gebaut. Als günstigstes Angebot führte man mit 4.750 Mark das 20 m² große Ferienhaus „Hobby“ für den Garten im Katalog. Ebenfalls 1963 entstand in Kooperation mit der Nationwide Insurance Co., dem drittgrößten Versicherungsunternehmen der USA, die Neckura-Versicherungs-AG.

Im Hauptkatalog von 1963 wurden zudem erstmals günstige Flugreisen angeboten, die zunächst in Zusammenarbeit mit Hotelplan, einem Schweizer Ferienunternehmen mit Reisebüros auch in Deutschland, organisiert wurden. Der erste Reiseprospekt war ein sechsseitiges Faltblatt, in dem 15-tägige Flugreisen nach Spanien (Mallorca und Costa del Sol), Tunesien, an die rumänische Schwarzmeerküste und nach Jugoslawien (Süddalmatien und Montenegro) angeboten wurden. Die Flüge wurden vorwiegend von der Condor Flugdienst GmbH mit Flugzeugen vom Typ Vickers Viscount 814 durchgeführt.

Auf Anhieb gingen 18.000 Buchungen ein, im zweiten Geschäftsjahr konnte man bereits 35.000 Gäste begrüßen. Zum Ausbau des Reisegeschäfts wurde das Unternehmen unter dem Namen Neckermann und Reisen GmbH & Co. KG (NUR) selbständig. Die NUR kaufte – auch in der Vor- und Nachsaison – große Kapazitäten an Charterflug-Sitzen und Hotelbetten, konnte so Preisvorteile erzielen und äußerst günstige Pauschalreisen anbieten. Zusätzlich zum Vertrieb der Reisen über den Katalog wurden in den Neckermann-Warenhäusern ab 1965 insgesamt 70 Verkaufsstellen für NUR-Reisen eingerichtet.

Das Angebot wurde sukzessive erweitert, neben Fernreisen nach Thailand und Ostafrika bot man den „Neckermännern“, wie die Kunden der NUR betitelt wurden, auch Reisen in die UdSSR an. Ende der 1960er Jahre war das Unternehmen der führende Anbieter von Flugreisen in Deutschland, 1970 wurde der Millionste Fluggast der NUR auf dem Frankfurter Flughafen begrüßt. Anfang der 1970er Jahre wurden neue Konzepte wie „Aktivurlaub“ (NUR-Skischule, NUR-Segelschule) und der „Cluburlaub“ (erstmals 1972 unter dem Namen „Aldiana“ in Senegal angeboten) entwickelt.

Die beiden großen Konkurrenten im Versandhandel, Quelle und Otto, hatten bereits 1958 bzw. 1966 höhere Umsätze erzielt als Neckermann, Billig-Discounter sowie Abholgroßmärkte wie jene der Metro AG (dort "Cash & Carry" genannt) machten der Versand- und Warenhaussparte des Unternehmens seit den 1960er Jahren zusätzlich Konkurrenz.

Obwohl die Umsätze des Neckermann-Konzerns über zwei Jahrzehnte angewachsen waren, schrieb das Unternehmen rote Zahlen, Folge der eigenen gnadenlosen Preispolitik. Die von Josef Neckermann ausgegebene Maxime „Großer Umsatz, kleiner Gewinn“ war auf Dauer nicht aufgegangen, die Finanzdecke war aufgrund der geringen Rendite von Anfang an dünn gewesen, so dass sich Verbindlichkeiten in dreistelliger Millionenhöhe aufgetürmt hatten, die bis Mai 1963 auf 131 Millionen DM angewachsen waren, so dass die Banken bereits drohten, den Hahn zuzudrehen. Neckermann konnte sein Unternehmen jedoch, unter anderem durch Lieferantenkredite und durch den Börsengang 1963 sowie die Tatsache, dass das Umsatzvolumen auch in den 1960er Jahren jährlich anstieg, noch einige Jahre über Wasser halten, Mitte der 1970er Jahre aber stand man kurz vor der Pleite.

Die Folgen der Ölkrise 1973 machten dem Unternehmen zu schaffen: die Nachfrage nach Konsumartikeln ging drastisch zurück, zahlreiche namhafte Unternehmen mussten in dieser Zeit Konkurs anmelden. Die unmittelbare Ursache dafür, dass Josef Neckermann sein Lebenswerk verkaufen musste, war jedoch eine Folge unternehmerischer Fehlentscheidungen.

Ein Versuch, durch Preiserhöhungen im Herbst/Winter 1974/75 das Ruder noch herumzureißen, misslang, die Kunden wechselten zur Konkurrenz, so dass die Preise wieder zurückgenommen werden mussten. Zum 25-jährigen Firmenjubiläum 1975 reduzierte man die Preise sämtlicher Artikel des Frühjahr/Sommer-Katalogs um 10 %. Der daraufhin einsetzende Run auf die im Preis ohnehin sehr knapp kalkulierten Artikel brach Neckermann das Genick: Die Devise „Die Menge macht´s“ schlug sich aufgrund des Preisnachlasses in negativem Sinne auf das Unternehmensergebnis nieder. Zwar wuchs der Umsatz 1975 von 2,9 Milliarden auf 3,5 Milliarden DM, die Jubiläumsaktion kostete das Versandhaus 4 Millionen DM Verlust.

Josef Neckermann blieb nichts anderes übrig, als Anteile seines Unternehmens, das alleine nicht mehr überlebensfähig war, zu verkaufen. Mit Karstadt-Chef Walter Deuss verhandelte er ab Frühjahr 1976 über eine mögliche Fusion, auf einer Pressekonferenz zur Hauptversammlung gab er am 7. Juli des Jahres bekannt, dass Karstadt als neuer Großaktionär bei Neckermann einsteigen würde.

In der Folge musste die geplante Fusion noch vom Kartellamt abgesegnet werden, die Genehmigung wurde am 19. November erteilt. Das Unternehmen war damit gerettet, doch das Geschäftsjahr 1976 lief für Neckermann erneut schlecht: der Gesamtumsatz des Konzerns wies ein Minus von 7,7 Millionen DM aus. Die Commerzbank, Hausbank der Familie Neckermann, zwang diese Ende 1976, sich von ihrem Firmenbesitz zu trennen, da zu diesem Zeitpunkt Josef Neckermanns Söhne als alleinige Gesellschafter für das Unternehmen hafteten, was die Neckermanns einen Großteil ihres Privatvermögens, 29 von 34 Millionen DM, kostete.

Die letzte Aktionärsversammlung der Neckermann Versand KGaA fand am 1. Juni 1977 statt, danach wurde sie in eine reine Aktiengesellschaft umgewandelt (Grundkapital: 137,4 Millionen DM), und durch Übernahme von 51,2 % der Aktien wurde die Karstadt AG neuer Haupteigentümer. Der Firmengründer Josef Neckermann wechselte zunächst für ein Jahr auf einen Posten im Aufsichtsrat der neuen Gesellschaft und wurde dann in den Ruhestand verabschiedet. Er erhielt mit 150.000 DM jährlich eine großzügige Betriebsrente und widmete sich anschließend ausschließlich seinem „zweiten Lebenswerk“, der Deutschen Sporthilfe. Auch sein Sohn Peter verließ das Unternehmen, als letzter Neckermann ging Johannes im August 1978. Beide Söhne wanderten 1980 bzw. 1981 in die USA aus, um sich dort eine neue Existenz zu schaffen.

Die Ära der Nachkommen der „Männer vom Neckar“ (als solche sind die ältesten nachweisbaren Vorfahren und Namensgeber der Familie in einer Zunftrolle aus dem 16. Jahrhundert eingetragen) beim Versandhaus Neckermann war damit beendet.

Das „neue“ Unternehmen startete mit fast einer Milliarde Verlust bei einem Umsatz von 3,5 Milliarden Mark 1978. Noch in diesem Jahr wurden Tausende der zuletzt 18.000 Mitarbeiter entlassen; Beginn eines „Sanierungskurses“ des Neckermann-Konzerns, zu dem auch die Verkleinerung des Kundendienstes, der später ganz eingestellt wurde, gehörte.

Karstadt führte 16 der 34 Neckermann-Kaufhäuser unter eigenem Namen weiter, die übrigen, meist kleineren Filialen wurden teilweise als Verkaufsstellen weitergeführt, teilweise verkauft oder geschlossen. Die beiden ehemaligen Frankfurter Warenhäuser an der Konstablerwache und im Nord-West-Zentrum wurden 1988 vom Bekleidungshaus Peek & Cloppenburg bezogen.

Der neue Eigentümer reduzierte das Unternehmen nach und nach auf das Versandgeschäft, die in den 1960er Jahren gegründeten Tochterunternehmen der Reise-, Immobilien- und Versicherungsbranche wurden verkauft:

  • Der Reiseveranstalter NUR ging 1981 vollständig an die Karstadt AG und anschließend in der neuen Dachmarke NUR Touristic auf. 1997 wurde diese mit der Reisesparte des Lufthansa-Konzerns (Condor Flugdienst) zur heutigen Thomas Cook AG vereinigt. Zwar werden unter dem Markennamen „Neckermann Reisen“ auch heute noch Reisen verkauft und unter anderem über die Website des Neckermann Versands vertrieben, Reiseveranstalter ist aber die TC Touristik GmbH in Oberursel, an der Thomas Cook 90 % und KarstadtQuelle 10 % hält.
  • Die Neckermann Eigenheim GmbH wurde 1982 an die Hochtief AG verkauft.
  • Der Versicherer Neckura ging zunächst an die Mitbegründer der Nationwide Mutual Insurance Company und schließlich 2001 im Konzern Zurich Group auf und existiert heute sowohl als Unternehmen als auch als Eigenmarke nicht mehr.

Die Neckermann Versand AG, an der 1984 Karstadt über 95 % der Anteile besaß, schrieb erst 1987 mit einem Jahresüberschuss von 5,4 Millionen Mark wieder schwarze Zahlen. Karstadt und damit auch dessen Tochterunternehmen fusionierte schließlich 1999 mit Quelle, Neckermanns einstigem Erzfeind, zur KarstadtQuelle AG, die später in Arcandor AG umbenannt wurde.

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